Fotografische Streifzüge ins Wortreich - Eisblumen


Als ich im August 2011 diesen meinen ersten Blog eröffnete, hieß er noch nicht "lifestyle in grün" sondern "Streifzüge durchs Leben" oder so ähnlich. Ganz genau weiß ich das gar nicht mehr. Was ich aber sicher weiß: Das Wort "Streifzüge" kam darin vor. Weil ich gar zu gern Streifzüge in mir unbekannte Regionen unternehme - zu Fuß oder zu Hirn.

Eine meiner Lieblingsregionen ist das Projekt Gutenberg. Hier werden der Öffentlichkeit die Werke der deutschen Literatur elektronisch zur Verfügung gestellt - jedenfalls die Werke, deren Urheberrechte ausgelaufen sind bzw. deren Autor(inn)en einer Veröffentlichung zugestimmt haben. Mit anderen Worten: Diese Texte dürfen wir nicht nur in gekauften Büchern lesen sondern kostenlos im Internet. Außerdem dürfen wir die Texte auch verwenden, um damit zum Beispiel Bücher vollzukritzeln (siehe Foto rechts) oder Blogs zu bereichern ;-)

Ich jedenfalls stöbere gern durch die umfangreiche Bibliothek und lerne dabei auch viele unbekannte Autor(inn)en kennen. Und weil ich keine Lust habe, irgendwie systematisch vorzugehen, mache ich mir einen Spaß daraus, per Suchfunktion nach einem bestimmten Wort zu suchen und zu schauen, welche passenden Texte es dazu  gibt.

Und heute nun habe ich beschlossen, meine Leidenschaft für das "Wortreich" mit meiner Leidenschaft fürs Fotografieren zu verbinden - und daraus so eine Art Serie zu machen. Ich beneide nämlich schon lange die Blogger/innen, die sich ein immer wiederkehrendes Motiv (wie z.B. den Upcycling-Dienstag) gesucht haben und dieses in regelmäßigen Abständen mit neuem Leben füllen. Sowas will ich auch. Also fange ich mal damit an:

Heute morgen hatte ich Eisblumen an der äußeren Scheibe meiner doppelverglasten Fenster. Und die sahen so bizarr und wunderschön aus, dass ich sie unbedingt fotografieren musste. Und jetzt am Abend, als ich mir die Fotos noch einmal in Ruhe anschaute (und nebenher immer wieder auf die neueste Hochrechnung zur Niedersachsenwahl schielte), suchte ich im Gutenberg-Projekt nach dem Wort "Eisblumen". Und der erste Treffer machte mich mit Eugenie Marlitt und ihrem Gedicht "Eisblumen am Fenster" bekannt. Ich glaube ja nicht, dass ich - hätte ich damals gelebt - eine begeisterte Anhängerin der Gartenlaube gewesen wäre und finde deshalb auch heute die Texte der (laut Wikipedia) "ersten Bestsellerautorin der Welt" und Top-Autorin der "Gartenlaube" - naja, sagen wir mal - eher seicht. Nichtsdestotrotz freue ich mich, dass ich diese Dame nun posthum kennengelernt habe und bedanke mich dafür, dass sie mir ihre Worte schenkt, um damit meine Eisblumen zu illustrieren.


Und wehrt mir der Himmel, den Frühling zu schauen,
Weil Winter umlagert die Wälder und Auen,
So soll mir am Fenster auf eisigem Feld
Erstehn eine fröhliche, blühende Welt!


Weil alle den lieblichen Frühling nur wollen,
Dem bissigen Winter dagegen sie grollen,
So hatte sich dieser beim Herrgott beklagt
Daß ihm jede blühende Zier sei versagt.
Da hat ihm der Herrgott auch Blüten gegeben,
Doch ohne ein jugendlich duftiges Leben.
Sie steigen empor nur in blinkendem Weiß –
So wollte es Gott – weil der Spender ein Greis!


Da siehe, es sproßt aus dem silbernen Moose
Auf schwankendem Stengel die liebliche Rose!
Eisröslein, es fehlt dir das purpurne Kleid,
Bist freilich das Kind einer traurigen Zeit;
Es fehlt auch des Duftes balsamisches Wehen...
Doch hat dich Goldkäfer zum Obdach ersehen,
Da schwebt er, die Schwingen voll sonnigem Schein,
Husch, Husch! in das schimmernde Bettchen hinein!
Und Lilien erblühen. Aus schwankenden Halmen
Des Grases erheben sich mächtige Palmen,
Maiglöckchen entsteigen dem Boden im Nu,
Die läuten Goldkäfer ein Schlummerlied zu.
Und alle die eben erschlossenen Kronen
Sie muß wohl ein lustiges Völkchen bewohnen –
Es fliegt aus der Tiefe des Kelches hervor
Der munteren Elfen leichtfüßiger Chor.


Nun geht's an ein schelmisches Nicken und Neigen,
Sie schweben im luftigen, zierlichen Reigen,
In goldenen Locken den blühenden Kranz,
Die leichten Gewänder geschürzet zum Tanz,
Wie schillernde Falter erglänzen die Schwingen,
Ich höre die Lieder, die fröhlich sie singen,
Die Stimmen vereinen sich zaubrisch und schön,
Wie silberne Glöckchen im leisen Getön.
Da neige ich vor mich, die Brust voll Entzücken,
Nichts soll mich dem himmlischen Traume entrücken...
Doch – wehe, was ist's, das mein Bild mir verdrängt?
Mein Hauch hat der Elfen Gewänder versengt,
Die Lilien verschwimmen zu Nebelgestalten,
Du stirbst, meine Rose, im schönsten Entfalten,
Die Elfen entfliehen in eiligem Lauf,
Und Goldkäfer – löst in ein Tröpfchen sich auf!


So sind nun die herrlichen Bilder entschwunden,
Die ich in dem blinkenden Eise gefunden.
Mein Traum und dein Werk, kalter Nord, sind nichts wert:
Ein einziger Hauch hat sie beide zerstört!


Kommentare

  1. Kannst Du Dir im Herzen Romantik,Poesie
    und Blick für das Schöne im Leben bewahren,
    dann wirst Du selbst bei Schneefall Musik erfahren.

    Danke Antje ira.

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    1. Was für ein schöner Kommentar - danke! Nun weiß ich auch, warum es heute um mich herum den ganzen Tag über klingt und tönt ;-)

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  2. Hallo, Antje, ich habe mich bei meinem heutigen Spaziergang durch das www in deinen Blog vertieft. Eigentlich habe ich "Rezepte geschaut", weil ich auch gerne koche und meine Ideen gerne blogge, aber angetan hat es mir deine Idee, Foto und Sprache zu verbinden, was dir gut gelungen ist mit deinen Eisblumen.
    Ich bin dir dankbar für den Hinweis auf das Projekt Gutenberg, das wohl schon versenkt in meinen Gehirnwindungen ruhte, aber durch dein Anstupsen aktiviert wird, das freut mich.
    Liebe Grüsse aus Wien

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  3. Hallo und lieben Dank für das tolle Kompliment. Viel Spaß mit dem Projekt Gutenberg und viele Grüße aus dem verschneiten Harz!

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